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Zwischen Gestaltung und Baukultur. Was macht Architektur herausragend?

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Ob beim Sightseeing oder dem Spaziergang durch unsere Innenstädte: Wenn wir uns aufmerksam durch unsere Umwelt bewegen, nehmen wir Architektur wahr. Wir schauen uns Gebäude an, bewerten sie – unbewusst oder bewusst. Gefällt uns, was wir sehen, sprechen wir darüber. Vielleicht machen wir sogar ein Foto und zeigen es Freunden. So wird Architektur zum Anlass für Kommunikation. Mehr noch: Sie ist für sich genommen schon eine Form von Kommunikation, denn die gestalterische Ausprägung verleiht Gebäuden eine Identität und prägt das Bild unserer Städte.

Warum wir ein Gebäude schön oder ansprechend finden, ist gar nicht so leicht in Worte zu fassen. Auf den ersten Blick spielt natürlich die Fassade eine wichtige Rolle, da hier unser erster Eindruck entsteht. Doch da muss noch mehr sein als die reine Hülle. Sonst würde es über die reine Geschmacksfrage nicht hinausgehen. Sonst gäbe es keine Gebäude, die vielfach prämiert werden, die seit Jahrzehnten als Ikonen funktionieren und die die Titelseiten der Reiseführer prägen. Offensichtlich gibt es wiederkehrende Muster und Regeln, die dafür sorgen, dass wir eine positive emotionale Bindung zu einem Gebäude aufbauen. Hier kommt der Begriff „Baukultur“ ins Spiel, in dem sich diese objektiv nur begrenzt messbaren Qualitäten bündeln.

An die Frage nach der Bewertbarkeit dieser gestalterischen und baukulturellen Qualität hat sich die Deutsche Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen, kurz DGNB, herangewagt. Die Non-Profit-Organisation, die unter anderem für die Zertifizierung nachhaltiger Gebäude und Quartiere bekannt ist, hat sich gemeinsam mit führenden Experten wie der Bundesarchitektenkammer und unter fachlicher Begleitung des Bundes Deutscher Architekten intensiv damit beschäftigt, wie eben diese Gebäudequalitäten fassbar und, so gut es geht, bewertbar gemacht werden können. Als Richtschnur für die Beurteilung wurde eine Reihe von Aspekten identifiziert, die unserem nur schwer greifbaren Gefühl von gestalterischer Schönheit eine nachvollziehbare Grundlage geben.

Dies fängt an bei der Angemessenheit der Architektur. Jedes Gebäude erfüllt immer auch einen konkreten Zweck, eine Aufgabe, abhängig davon, wofür und für wen es gebaut wird. Die Frage ist nun: Ist es dem Architekten gelungen, diese Aufgabe in einem adäquaten, möglichst zeitlosen Ergebnis umzusetzen? Im Sinne der Gestaltung, der Baukultur und auch der Nachhaltigkeit sollte es dabei über aktuelle Modeerscheinungen hinausgehen.

Ein ebenfalls wichtiger Faktor ist die Einbindung des Gebäudes in die unmittelbare Nachbarschaft. Passt das Gebäude in den Kontext seiner Umgebung? Verstärkt es die positiven gestalterischen, aber auch sozialen Eigenschaften im Stadtquartier? Wie wird mit öffentlich zugänglichen und für alle nutzbaren Freiflächen, die in unmittelbarem Bezug zum Gebäude stehen, umgegangen? Bestenfalls sollten diese so gestaltet sein, dass sie dazu anregen, dass hier Menschen gerne verweilen und damit ein Miteinander gefördert wird.

Die „Gestalt“ ist ein weiteres Kriterium, das unsere Wahrnehmung eines Gebäudes mit beeinflusst. Wie wurde in der gestalterischen Umsetzung darauf geachtet, dass grundlegende architektonische Regeln eingehalten werden, etwa was die Proportionen der einzelnen baulichen Elemente zueinander angeht? Auch die für das spezifische Gebäude passende Wahl der Materialien, die Farbgebung sowie der Detailgrad in der Ausgestaltung einzelner baulicher Elemente beeinflussen, wie wir ein Gebäude wahrnehmen und subjektiv bewerten.

Zudem spielt noch die Grundriss- und Innenraumgestaltung eine entscheidende Rolle für die architektonische Qualität eines Gebäudes. Inwieweit unterstützt mich die Gestaltung des Raumes dabei, mich besser orientieren zu können? Hier geht es um Transparenz, Design und Kommunikation gleichermaßen. Offene Raumanordnungen, die sich den Menschen auf natürliche Weise erschließen, haben eine andere Qualität als zum Beispiel lange, enge Korridore. Die Möglichkeit zu haben, im Gebäude zu sein und nach draußen blicken zu können, um ein Gefühl davon zu erhalten, ob es hell oder dunkel, sonnig oder regnerisch ist, klingt zunächst trivial, ist aber gleichzeitig von großer Bedeutung für unser Wohlempfinden in Gebäuden.

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Innenraumgestaltung des Wohnhochhauses Pforzheim, Gewinner DGNB Preis „Nachhaltiges Bauen“ 2015.

Ein Gebäude, das die beschriebenen Merkmale auf herausragende Weise aufgreift, ist das 50Hertz Netzquartier im Berliner Europaviertel. Hierfür wurde es kürzlich als erstes Gebäude weltweit mit der Auszeichnung „DGNB Diamant“ belohnt. Besonders gelungen ist dem Team von LOVE architecture and urbanism um Architekt Marc Jennewein, für den Stromnetzbetreiber einen Firmensitz zu realisieren, der Transparenz als zentralem Unternehmenswert eine architektonische Entsprechung gibt. Gerade nachts entsteht ein unverkennbarer Identifikationswert für das Unternehmen selbst, aber auch für das Quartier. Dann wird nämlich das charakteristische Tragwerk mit den schräg liegenden Stützen in Form einer Sinuskurve beleuchtet – einer Analogie zum Netzschwingungsverhalten. Mit Blick auf den Grundriss überzeugen die eingeschobenen Terras-senflächen in den Bürogeschossen, die die Kommunikation der Mitarbeiter untereinander fördern. Zusammenfassend lautet das Urteil der Kommission, die das Gebäude be-urteilt hat, dass dieses auf eine herausragende Art und Weise einen Beitrag für das im Entstehen befindliche Europaviertel und die ganze Stadt leiste. Es sei plakativ und erzeuge durch seine Corporate Identity eine Haltung bei jedem Betrachter und bringe somit das Thema Architektur ins Gespräch.

Genau dies leisten auch die Nominierten und Gewinner des DGNB Preises „Nachhaltiges Bauen“, der seit 2013 von der DGNB in Kooperation mit der Stiftung Deutscher Nachhaltigkeitspreis vergeben wird. Sie alle schaffen es, Nachhaltigkeit, Innovation und Ästhetik auf beispielhafte Weise in Einklang zu bringen. Für die DGNB ist dies wichtig zu betonen, denn im Verständnis der Non-Profit-Organisation ist die gestalterische und baukulturelle Qualität ein wesentliches Merkmal von Nachhaltigkeit. Wer nachhaltig baut, für den reichen Energieeffizienz und Wirtschaftlichkeit allein nicht aus. Auch ein hoher Nutzerkomfort ist wichtig, aber für sich genommen zu wenig. Es braucht das Zusammenspiel all der genannten Faktoren, um von einer ganzheitlichen Nachhaltigkeit zu sprechen. Dazu zählt eben auch der eher weiche Faktor „Gestaltqualität“, denn er leistet einen wesentlichen Beitrag dazu, dass wir als Nutzer ein Gebäude akzeptieren.

Dass dies eine unmittelbare Auswirkung auf die Langlebigkeit und den Werterhalt eines Gebäudes hat, scheint bei näherem Hinsehen plausibel. Aber mehr noch: Es ist ein Ausdruck von Kultur, ein Wert, der Gemeinsinn schaffen und identitätsstiftend wirken kann. Letztlich sind es genau diese Gebäude, die wir unseren Freunden und Bekannten gerne zeigen, wenn sie uns in unseren Heimatstädten besuchen. Eben weil sie in unseren Augen nachhaltig, schön und zeigenswert sind.

 

Fotos: Dietmar Strauß, 50Hertz/HG Esch

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Das 50Hertz Netzquartier im Berliner Europaviertel wurde kürzlich als erstes Gebäude weltweit mit der Auszeichnung „DGNB Diamant“ belohnt.

DGNB Preis Nachhaltiges Bauen – Jetzt bewerben!

Der Wettbewerb um den DGNB Preis „Nachhaltiges Bauen“ hat begonnen. Gesucht werden Gebäude, die sich durch eine nachhaltige Bauweise, eine herausragende gestalterische Qualität und innovative Lösungsansätze auszeichnen. Der Preis wird in diesem Jahr zum fünften Mal gemeinsam von der Stiftung Deutscher Nachhaltigkeitspreis e.V. und der Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen – DGNB e.V. verliehen.

Am Wettbewerb teilnehmen können prinzipiell alle Architekten, Bauherren oder Nutzer von Gebäuden in Deutschland, die eine personenbezogene Nutzung aufweisen. Prämiert werden Bauprojekte, die auf beispielhafte Art und Weise die Themen Nachhaltigkeit, Innovation und Ästhetik zusammenbringen. Die Bewerbung für den DGNB Preis „Nachhaltiges Bauen“ ist bis zum 26. Mai 2017 über einen Online-Fragebogen unter www.nachhaltigkeitspreis.de/bauen möglich.

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