Jurybegründung zur Nominierung

Recyclinghaus, Hannover

Das Recyclinghaus in Hannover, ein zweistöckiges Einfamilienhaus im Stadtteil Kronsberg in Hannover, ist ein Prototyp für experimentelles Bauen und zugleich Reallabor für neue Möglichkeiten und Potenziale verschiedenster Arten und Dimensionen des Recyclings. Das Recyclinghaus steht in beispielhafter Weise für die Verantwortung und Experimentierfreude von Bauherr/innen und Architekt/innen bei der dringend notwendigen Suche nach neuen Antworten auf die Reduzierung des Ressourcenverbrauchs und der durch das Bauen bedingten „grauen Energie“ im Neubau.

Das Gebäude basiert auf der Idee der erfinderischen Sparsamkeit und einer möglichst konsequenten Anwendung unterschiedlicher Prinzipien des ressourcenschonenden Bauens:

  • Einbau recycelter Materialien und Baustoffe (z.B. Gründung aus Recyclingbeton oder Fassadendämmung aus recycelten Jutesäcken)
  • Lokale Bauteilernte und Wiederverwendung gebrauchter Bauteile (z.B. Fenster- und Fassadenelemente, Holzbalken, Ziegelsteine, Badobjekte, ein Großteil davon aus den Gebäudebeständen der Bauherrin GUNDLACH)
  • Verwendung neuer, recyclingfähiger Bauprodukte (z.B. Rohbau aus leimfrei zusammengesetzten Massivholzelementen, die ohne Qualitätsminderung und ohne eine Beseitigung von Schadstoffen demontierbar und wiederverwertbar sind)
  • Berücksichtigung der Transportwege der Materialien und Vermeidung bzw. Wiederwendung der während des Bauprozesses anfallenden Materialreste

Durch die konsequente Anwendung dieser vier Prinzipien entstand der Prototyp eines Wohnhauses, das in anschaulicher und origineller Form zeigt, wie aus der konsequenten Umsetzung innovativer Ansätze des ressourcensparenden, kreislauforientierten Bauens neue Formen von Architektur

entstehen können. Eine wichtige Rolle spielt dabei die außerordentliche detektivische und erfinderische Leistung des Aufspürens, Umformatierens und Neukombinierens unterschiedlichster Materialien als prozessbasierter Entwurfs- und Realisierungsansatz – von den Architekt/innen bezeichnet als Prinzip „Form follows Availability“.

Auch wenn die ästhetische Qualität des Gebäudes aufgrund des collagenhaften architektonischen Ausdrucks kontrovers diskutiert werden kann, gelingt es dem Projekt in überzeugender Weise, die bisher vor allem theoretisch diskutierte Ansätze des „Urban Minings“ in die Praxis zu übersetzen und zu zeigen, welche technischen und gestalterischen Möglichkeiten sowie Herausforderungen sich aus neuen Kombinationen und Verwendungen von recycelten bzw. recycelbaren Materialien ergeben. In Zusammenarbeit mit Partner/innen aus der Bau- und Materialforschung, der Tragwerksplanung, der thermischen Bauphysik und des Bauteilrecyclings wurden wichtige Erkenntnisse und Erfahrungen für zukünftige Recycling-Bauprojekte gewonnen und der Blick für das Machbare geschärft: Wie können wir zukünftig bauen, wenn wir den vorhandenen Gebäudebestand unserer Städte als riesiges Rohstofflager begreifen und die dort vorhandenen Baustoffe besser inventarisieren und einfacher verfügbar machen? Aufgrund seines ambitionierten und konsequenten Ansatzes, Architektur von ihrem Ende zu einem neuen Anfang anstatt als Abfall zu denken, kann das Recyclinghaus prototypisch für nachhaltige Innovation im Bauwesen gesehen werden.

Projektbeteiligte: Bauherr: Gundlach GmbH & Co. KG / Architektur: Cityförster architecture + urbanism PartGmbB / Tragwerksplanung: Drewes + Speth / Bauphysik: H2A – v. Heeren Habibi / Haustechnik: TGW GmbH / Vermessung: ahb Vermessung / Baugrund: Dr. Ing. Meihorst & Partner / Qualitätssicherung: IFB – Institut für Bauforschung

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