Jurybegründung zur Nominierung

Kraftwerk

Das Kraftwerk in München in seiner jetzigen Form und Nutzung ist ein wertvoller Beitrag zu einem nachhaltigen Umgang mit dem baulichen Erbe der industriellen Entwicklung. Ein Gebäude, das monofunktional und mit sehr viel Ressourcenaufwand entstanden ist, wurde nicht in eine enorme Menge Reststoffe verwandelt, sondern mit gestalterisch kraftvollen Gesten einer neuen Nutzung zugeführt. In der Hülle einer früher verschlossenen „Maschine“ ist heute das Innenleben für Nutzer und Besucher erkundbar und erlebbar.

Ein weithin sichtbares technisches Bauwerk, das von seinen Betreibern bereits abgeschrieben und zum Abriss freigegeben war, wurde durch einen iterativen Planungsprozess revitalisiert und einem zweiten Leben zugeführt. Wo ursprünglich Gasturbinen Wärme und Strom erzeugten, wurden spannende Räume für Gastronomie, Gewerbe und Büronutzung geschaffen. Zu seinem Entstehungszeitpunkt 1962 war das Kraftwerk eine technische Innovation und Vorreiter der Kombination von Wärme und Stromerzeugung. Explosionen und anschließende Brände führten dazu, dass die Nutzung des Kraftwerks bereits 1999 aufgegeben wurde und das Gebäude jahrelang ungenutzt blieb. Erst nachdem der Abriss bereits beschlossen war, übernahm 2010 der jetzige Eigentümer das Gebäude.

Bei der Suche nach einer möglichen Nutzung der Räume wurde nicht gegen die ungewöhnliche Dimensionierung von Tragwerk und Raumhöhen, sondern weitgehend mit deren Stärken gearbeitet. Für den Kraftwerksbetrieb waren zur Kanalisierung von Luftmassen große Raumvolumen notwendig, die beim Umbau nicht verdeckt, sondern freigestellt wurden.

Damit blieb der industrielle Charakter gewahrt und wurde in mehreren Ebenen für die neue Nutzung erschlossen. Versorgung und Erschließung sind in der Großstruktur sichtbar eingefügt. So wurde zum Beispiel im Inneren des Turms nach dem Entfernen der Maschinenkomponenten die dominante Stahlkonstruktion als tragendes Element erhalten. Auf den Zwischenebenen sind Büro- und Wohnflächen mit ungewöhnlicher räumlicher Struktur entstanden.

Besonderes Augenmerk der Planer lag auf dem Umgang mit vorhandenen Materialien und Schadstoffen. Nur mit behutsamer Annäherung und Messungen konnte für die weitere Nutzung eine Schadstofffreiheit gewährleistet werden. Bei den neu eingebrachten Baustoffen wurde nicht nur aus brandschutztechnischen Gründen auf Gipsbaustoffe für die Verkleidungen bzw. auf Kunststoffe als Dämmstoff verzichtet. Stattdessen wurden Stahlfachwerkträger beschichtet und mineralische Dämmstoffe und Estrich als Fertigoberfläche eingesetzt. Stahlbetonwände und -decken bleiben an vielen Stellen sichtbar und bestimmen den Gesamteindruck der Räume.

Das ehemalige Heizkraftwerk München-Sendling überzeugt nicht nur wegen seiner hohen Symbolkraft für den Umgang mit dem Bestand, sondern auch aufgrund der gestalterischen Ausdruckskraft im Umgang mit dem industriellen Erbe.

Am 15. September 2020 entscheidet die Jury des Deutschen Nachhaltigkeitspreises über die Finalisten und den Sieger.

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