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Bhutan – Ein Königreich auf dem Weg zum Glück.

Foto: RKTKN/Unsplash.com

Mit seinem Entwicklungskonzept „Bruttosozialglück“ und der damit fest verwobenen besonderen Orientierung auf Nachhaltigkeit hat Bhutan ein Markenzeichen in der Welt gesetzt. Es hat Eingang in die Diskussion über zeitgemäße soziale und umweltpolitische Konzepte u.a. im Bundestag und in den Vereinten Nationen gefunden.

Im Kern sagt es, dass die Entwicklung nicht über den besonders im Westen angebeteten Fetisch Wachstum des Bruttosozialprodukts, sondern vorrangig über die Steigerung
des Bruttosozialglücks betrieben werden sollte. Dieses revolutionäre Entwicklungskonzept der „Gross National Happiness“ (GNH) wurde vom 19-jährigen 4. König Jigme Singye Wangchuck 1979, 5 Jahre nach seiner Krönung 1974, erstmals formuliert. Damals war Bhutan ein armes, nicht nur nach westlichem Standard mittelalterlich anmutendes Agrarland mit äußerst niedrigem Bildungsniveau. Wenn der König immer wieder das kollektive Glück seines Volkes zu seinem obersten Ziel erklärte, ist das vor dem Hintergrund des Buddhismus und der schon im Legal Code of Bhutan von 1779 enthaltenen Maxime zu verstehen: „Wenn die Regierung nicht in der Lage ist, das Glück für das Volk zu schaffen, dann gibt es keinen Grund dafür, dass sie existiert!“

Das Konzept Bruttosozialglück wird von wenigen im Westen richtig verstanden. Das bhutanische Center for Bhutan Studies bringt es auf den Punkt: „Die meisten Entwicklungssysteme der Welt sind vorbehaltlos durchdrungen von einer beherrschenden ökonomischen Ideologie. Als Konsequenz wird Wettbewerb mehr als Zusammenarbeit geschätzt; einseitiges intellektuelles Wissen mehr als soziale, ethische, emotionale, künstlerische und spirituelle beziehungsorientierte Eigenschaften.“

In der Zeitschrift BHUTAN A Short Guide to GNH Index heißt es: „Im GNH Index ist Glück multidimensional, nicht nur subjektives Wohlbefinden und Glück des Individuums, das sich nur für und mit sich selbst beschäftigt. Der „Pursuit of Happiness“ ist kollektiv. In Bhutan ist man fest davon überzeugt, dass eine erfolgreiche Entwicklung der Gesellschaft nur dann möglich ist, wenn materielle und spirituelle Inhalte sich gleichwertig Seite an Seite entwickeln können, sich gegenseitig ergänzen und verstärken.“ Um uns im Westen Happiness im Sinne von GNH verständlicher zu machen, erklärt man sie gern mit Contentment. Ich bevorzuge dafür „in sich ruhende Zufriedenheit, Gelassenheit“, in höchster Ausprägung auch „Glückseligkeit“ als Gegensatz zu materiellem, äußerem Glück.

Zur Überführung des Bruttosozialglücks von einem ideellen Konzept in eine realistische Entwicklungspolitik wurden vier prioritäre Säulen definiert: sozio-ökonomische Entwicklung, Erhalt des kulturellen Erbes (einschließlich der spirituellen Dimension), Umweltschutz und „Good Governance“. Es wurden Volksbefragungen zu GNH auf Grundlage folgender neun Schwerpunkte durchgeführt: psychologisches Wohlergehen, physische Gesundheit, Erziehung und Bildung, Zeit-Nutzung und Gleichgewicht, kulturelle Vielfalt, kommunale Vitalität, ökologische Vielfalt und Resilienz, materieller Lebensstandard, Good Governance.

Das Ergebnis: Trotz Armut und oft harten Lebensbedingun-gen bezeichnen sich 41 % der Menschen als glücklich. Männer sind glücklicher als Frauen, Junge glücklicher als Alte, Gebildete glücklicher als Ungebildete, Arbeitslose glücklicher als Arbeiter und Bauern, Singles glücklicher als Verheiratete. Besonders zufrieden sind die Menschen mit ihrer Gesundheit, der Natur, ihrer psychischen Verfassung, dem sozialen Leben. Also nicht alle Bhutaner sind glücklich. Entscheidend jedoch ist, dass die Regierung auf die Bürger hört und eine Politik betreibt, die die Menschen im bhutanischen Sinne glücklicher macht. Die mächtige GNH-Kommission prüft alle Regierungsmaßnahmen auf ihre Vereinbarkeit mit den Maximen von GNH.

Premierminister Tshering Tobgay erklärte, was das Bruttosozialglück für ihn bedeutet: „Wir versuchen, Wachstum im Gleichgewicht mit der sozialen Entwicklung, einem nachhaltigen Umweltschutz und dem Erhalt unserer Kultur zu fördern. Und das alles über ,Good Governance‘. Dieses Konzept nennen wir den holistischen Ansatz unseres Bruttosozialglücks. So werden wir Glück und Wohlergehen unseres Volkes verbessern. Unser König hat es uns einfach gemacht, Bruttosozialglück zu verstehen, als er sagte: „Es bedeutet ganz einfach eine Entwicklung nach unseren Werten.“

„They“, die Bhutaner, „are the world’s most likely climate heroes“, bestätigen internationale Medien und Experten. Nachhaltigkeit in Bhutan geht weit über unsere Definition hinaus, die aus der Forstwirtschaft kommt und mehr auf den Erhalt des Status quo abzielt.

Auch für den Heisenbergschüler und Quantenphysiker Hans-Peter Dürr war diese Definition viel zu statisch, zu kurz gedacht. Er verstand unter Nachhaltigkeit ein dynamisches Postulat: „Das Lebende lebendiger werden lassen.“ Genau diese aktive Gestaltung in die Zukunft findet man in Bhutan. Sie gilt nicht nur für den Umweltschutz. Sie ist aus den vier Säulen und neun Schwerpunkten des Bruttosozialglücks abgeleitet und gilt für alle diese Bereiche.

Tshering Tobgay treibt das Programm mit Elan und großem persönlichem Engagement an. Er betont: „Wir sind nicht ,carbon neutral‘, wir sind ,carbon negative‘ und versprechen, langfristig zumindest ,carbon neutral‘ zu bleiben.“ Das Gesetz schreibt vor: Von jetzigen 72 % Waldfläche in Bhutan müssen mindestens 60 % erhalten werden. Bhutan hat zur Klimaerwärmung nichts beigetragen, leidet aber insbesondere an den Folgen des Gletscherschwundes. Wasserkraft und Biomassekraftwerke werden weiter ausgebaut, Elektroautos gefördert, Papier reduziert, Bäume gepflanzt. Kostenlos sind Gesundheitswesen und Ausbildung. Green Public Procurement (GPP) wird ernst genommen. Das Land ist einer der wenigen „Diversity Hot Spots“ der Welt und kooperiert sehr erfolgreich mit dem WWF. Tourismus beschränkt man aus ökologischen Gründen. Leider wird man in der nahen Zukunft nicht die Mittel haben, um alle als zusätzlich nötig erkannten Umweltschutzmaßnahmen zu ergreifen. Der PM setzt sich deshalb voll für die Initiative seines Königs „Bhutan for LIFE“ ein. Er wünscht sich ähnliche Programme in anderen Ländern.

Unsere Auffassung von Glück ist fast ausschließlich auf äußere Glückserlebnisse ausgerichtet, wie viele Studien zeigen. Als Quelle für unser wirtschaftliches und nachhaltiges Wirken in der Welt ist inneres, spirituelles Wachstum, das zu Achtsamkeit, Gelassenheit und Mitgefühl, Empathie und Kongruenz, Harmonie, Liebe, Verständnis, Ethik und Moral führt, verschwindend wenig gefragt. Die faszinierende Philosophie des Bruttosozialglücks sollte – und könnte – auch in unserer hektischen und krank machenden Informations- und Industriegesellschaft die Grundlage für einen dringend gebotenen Bewusstseins- und Politikwandel sein.

So könnte Nachhaltigkeit auch bei uns Erweiterung und Reform erfahren. Denn der Mensch ist verpflichtet, wenn er schon in die Natur eingreift und alle Wesen beeinflusst, nicht nur den Status quo zu erhalten, sondern das Lebende lebendiger werden zu lassen. Dann und nur dann wirtschaftet man nachhaltig, nicht weil man muss, sondern weil man gar nicht anders kann. Bhutan gibt uns ein Beispiel!

Autor: Prof. Dr. Erhard Meyer-Galow

Meyer-Galow, ehemals VEBA-Vorstand, Vorstandsvorsitzender STINNES und HÜLS, Autor, Speaker, Stifter, Sponsor (www.ligw.de), liebt Bhutan. Seit 20 Jahren fördert er die humanitären Projekte von „Pro Bhutan e.V.“ in Gesundheit, Ausbildung blinder und hörgeschädigter Kinder und Kulturerhalt. Der 1992 von Botschafter a. D. Harald N. Nestroy gegründete Verein hat dafür bisher über 4 Mio. Euro aus Spenden investiert (www.proBhutan.com).

Dieser Artikel erschien am 7. Dezember 2016 im Magazin des Deutschen Nachhaltigkeitspreises.

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