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Deutschland unterfordert sich

Foto: Sven Przepiorka/unsplash

Irreführend: Deutschland sei überfordert, so hört man überall. Die Geflüchteten überlasten angeblich das Gemeinwesen, ein zügiger Kohleausstieg überlastet angeblich die Gesellschaft, die Digitalisierung überfordert angeblich die Arbeitsgesellschaft, Schnelligkeit und Komplexität überfordern angeblich uns alle.

Und die Nachhaltigkeit? Auch überlade den Konsumenten mit Ansprüchen und die Unternehmen mit Berichtspflichten. Auch unter den Lesern dieses Textes wird es wohl nicht wenige geben, die Überlastungen sehen.

Ich bin anderer Meinung. Zumindest scheint es mir eine vertiefte Debatte wert, ob wir uns nicht tatsächlich viel eher unter- als überfordern. International werden Deutschland die besten Voraussetzungen für mehr Nachhaltigkeit attestiert. Mehr politisches Engagement und größere Ambition wären nicht nur wünschenswert und nötig, sondern sind vor allem möglich und machbar. Helen Clark, eine gewichtige Stimme der konstruktiven Weltpolitik, hat dies in diesem Jahr der Bundeskanzlerin und der deutschen Stakeholder Öffentlichkeit ins Stammbuch geschrieben, dass die Politik das Land unterfordert. Das drückt ihr Peer Review in vielen Facetten aus. Deutschland mache zu wenig aus der Menge engagierter Bürger und kompetenter Fachleute in der Verwaltung, in Unternehmen, Wissenschaft und den Kommunen. Erschreckend ist die hohe Anzahl der deutschen Nachhaltigkeitsziele, die im Minus sind; darunter Ziele zur Biodiversität, Landwirtschaft und Gesundheitsvorsorge, die sich die Bundesregierung selbst gegeben hat. Bisher aber fehle der politische Weckruf und sei ein entschiedenes Gegensteuern öffentlich nicht wahrzunehmen. Die Wirklichkeit ist weiter als ihr politischer Spiegel.

Der Deutsche Nachhaltigkeitspreis zeigt das. Er ist Treffpunkt für die Praktiker an der Spitze der Nachhaltigkeitsbewegung. Ja, von Bewegung ist zu sprechen. Nur eben keine in der üblichen Inszenierung und keine mit den bekannten Reflexen. Das mag auch der Grund für eine teils noch allzu geringe Resonanz in den Medien sein. Aber klar ist: So vielfältig wächst keine andere soziale Gruppe in Deutschland. In keinem Jahr zuvor gab es mehr Nachhaltigkeitsprojekte, Initiativen und Erfolge. In der Finanzbranche scheinen erstmals die Barrieren zwischen grauem Mainstream und grüner Nische zu fallen zu Gunsten einer gemeinsamen Suche nach Nachhaltigkeitskriterien für Bankgeschäfte und Investmentfonds. Internationale Partnerschaften nehmen an Gewicht zu. Mit Nachhaltigkeit machen aufgeweckte Unternehmen Punkte, die ihre Konkurrenten liegen lassen. Der Nachhaltigkeitspreis wirft ein Licht auf diese Transformation, die in vielen Branchen (nicht bei allen) und bei vielen Akteuren (längst nicht allen) in vollem Gange ist. Die Preisgewinner bewähren sich mit ihre Nachhaltigkeitsstrategien im harten Umfeld aus Märkten und Politik. Sie fordern den Gleichlauf bei ihren Konkurrenten und Kollegen heraus. Die Botschaft aus Münster, Eschweiler und Saerbeck sowie den TOP 2 nominierten Unternehmen gilt generell: Nur wer die Welt mit der Brille der Zukunft sieht, der sieht klarer, was fehlt und was möglich ist und wo sich das eigene Engagement lohnt. Das zu sehen ist nicht immer nur ein Vergnügen und oft steht hinter dem Nachhaltigkeit-Engagement die Frage ob es angesichts der gesellschaftlichen Realität wohl reicht.

Unsere Gesellschaft braucht Gemeinschaftssinn. Für die parlamentarische Parteiendemokratie ist das die knappe Ressource. Unterfordern, auch wenn es freundlich gemeint ist und pädagogisch gut verpackt wird, ist nicht der Weg. Zustimmung entsteht durch Ernstnehmen, Vertrauen durch Verantwortung. Das gilt innerhalb wie außerhalb von Werkstoren. XY-First irrt. In der Einen Welt zählt letztlich nur die Gegenseitigkeit. Der eigene Vorteil wird durch den Erfolg der Anderen garantiert. Die Vorreiter-Funktion ist das Salz für die offene Gesellschaft.

Noch aber sind viele mit einer Fehlwahrnehmung unterwegs. Aus hier Sicht reicht das Einhalten der Sozial- und Umweltgesetze schon völlig aus. (Immerhin, möchte man angesichts des Betrugs am Made in Germany applaudieren.) Die gesellschaftspolitische Lizenz der Wirtschaft schmilzt indessen genau dort, wo sie auf gesellschaftlichem Vertrauen und der Zuweisung von Kompetenz beruht. Verdient sich eine Wirtschaft Vertrauen, indem sie Küken schreddert, den Dieselskandal nicht in den Griff kriegt, immer wieder mit Menschenrechtsverletzungen in unsauberen Lieferketten konfrontiert ist, oder mit einer Immobilienblase die Mieten ins Unendliche steigert? Wohl kaum.

2018 war das Jahr der Angst vor Veränderung. Die politische Rechte schlugt pausenlos Alarm. Das Echo aus der Mitte verstärkt den Effekt des Alarmismus und der Unsicherheit. Die technokratische Absage an die Handlungsfähigkeit des Staates verstärkt das. Die undifferenzierte  und unfruchtbare Rede von „der“ Politik, „uns“ und „ihnen“, „der“ Wirtschaft und „den“ Menschen geht ideologischen Fangschleifen auf den Leim. Eine Folge ist der abgestumpft blinde Fleck für Erreichtes. Ungenutzt bleiben die Möglichkeiten zur digitalen Trendwende, zum Zoll-Pakt mit Afrikas SDG Wende, zur Kreislaufwirtschaft, zur Vorsorge bei neuen Züchtungsmethoden, zum Durchbruch in nachhaltiger Mobilität.

Mut zum Handeln ist gefragt. Überzeugende Zukunftsbilder sind gefragt. Wer hier den Anschluss verpasst, der braucht gute Argumente, um das zu rechtfertigen.

Über den Autor: Prof. Dr. Günther Bachmann berät die Bundesregierung als Generalsekretär des Rates für Nachhaltige Entwicklung. In Projekten des Rates macht er Nachhaltigkeit durch konkrete Initiativen greifbar und wirkungsvoll. Der Honorarprofessor der Universität Lüneburg hat den Deutschen Nachhaltigkeitspreis mitgestaltet und leitet die Jurys.

Dieser Artikel erschien am 7. Dezember 2018 im Magazin des Deutschen Nachhaltigkeitspreises.

Ab Februar 2019 können sich Unternehmen für den 12. Deutschen Nachhaltigkeitspreis bewerben, die sich mit ihren Produkten und Dienstleistungen erfolgreich den ökologischen und sozialen Herausforderungen der Zukunft stellen. Wenn Sie über die Wettbewerbe benachrichtigt werden möchten, melden Sie sich für die Newsletter an.

 

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