News

Aktuelles über den DNP

News und Berichte

News vom

Digitalisierung und Nachhaltigkeit - Unterwegs in Spannungsfeldern

Die Digitalisierung ist ein umfassender, gesellschaftsweiter Akt der Transformation. Da sie Einfluss auf so viele Ebenen hat, bringt sie große Komplexität mit sich und eine große Menge an Aspekten. Ein Aspekt in der öffentlichen Diskussion sind zum Beispiel Ängste aufgrund der Bedrohung von Arbeitsplätzen durch Automatisierung.

Auf politischer und wirtschaftlicher Seite wird vielmehr die Notwendigkeit betont, der technologischen Entwicklung möglichst parallel und ohne Hinterfragung zu folgen. Aber auf keiner dieser Ebenen wird die Nachhaltigkeit der Digitalisierung thematisiert. Dies besitzt jedoch eine große Dringlichkeit, denn durch die enorme Steigerung des Bedarfs an Energie, Rohstoffen, Logistik und Transport im Rahmen der Digitalisierung entstehen riesige Problemfelder. 

Nur zwei Beispiele für die entstehenden Probleme einer unnachhaltigen Digitalisierung sind die folgenden:

  1. Energieverbrauch
    Der Energieverbrauch des Internet ist inzwischen enorm und wird stetig steigen. Streaming – die Nutzung von Diensten wie YouTube, Netflix oder Spotify - trägt als größter Faktor zu diesem Energieverbrauch bei. Dieser bringt entsprechende CO2-Emissionen mit sich, denn so wie der Strom nicht einfach aus der Steckdose kommt, fliegt der Datenstrom nicht einfach durch die Luft. Es bedarf an großen Rechenzentren, die die Knotenpunkte des Internets bilden und Energie für Betrieb und Kühlung benötigen. Eine Prognose des Technologiekonzerns Cisco geht davon aus, dass sich im Jahr 2020 der Datenstrom des Internet zu knapp 80% aus Streaming zusammensetzen wird. Weitere Faktoren der steigenden Datenmenge sind Milliarden von smarten Geräten, die das Internet der Dinge bilden. Connected Cars, Fitnesstracker, Smart Speakers und dergleichen senden und empfangen eine zunehmende Menge an Daten. All dies verbraucht aktuell bereits 12% der globalen Gesamtenergie und wird sich bis 2025 auf 20% erhöhen.
     
  2. Der hohe Bedarf an Rohstoffen
    Der Rohstoffhunger der Digitalisierung ist ebenso enorm, was problematische Folgen auf ökologischer und sozialer Ebene hat. Besonders verheerend ist dies bei den vier sogenannten ‚Konfliktmineralien‘ Tantal, Zinn, Wolfram und Gold, deren größter Lieferant die Demokratische Republik Kongo ist. Bei Abbau der Mineralien kommt es durch Abholzung, Erosion und Artensterben zu großen Umweltschäden. Schlimmer jedoch sind die Auswirkungen auf sozialer Ebene: Die Mineralien werden unter den Verhältnissen moderner Sklaverei gewonnen. Rebellentruppen sind im Besitz der Minenbetriebe und finanzieren darüber ihre Waffen für einen seit Jahrzehnten immer wieder aufflammenden Bürgerkrieg mit Millionen Opfern. Kinderarbeit und -prostitution gehören zu den täglichen Ereignissen in diesem vollkommen destabilisierten Land. Die Folgen sind Verarmung und Flucht. Auch dies sind Auswirkungen der Digitalisierung. 

Nachhaltigkeit durch Digitalisierung

Digitalisierung besitzt jedoch ebenfalls Potenziale, Nachhaltigkeit zu erzeugen. Zum Beispiel können digitale Lösungen, die einen niedrigeren Energieverbrauch haben und ohne Materialeinsatz entstehen physische Lösungen ersetzen - indem etwa ein PDF am Bildschirm gelesen und nicht ausgedruckt wird. Auch besteht die Möglichkeit, bereits existierende Strukturen durch digitale Lösungen zu optimieren - zum Beispiel im Fall intelligenter Verkehrsleitsysteme. Ein wichtiger Weg ist ebenfalls ein intelligenter und sparsamer Einsatz von Ressourcen im Rahmen der Kreislaufwirtschaft. Es geht darum, das Problem begrenzter Ressourcen, das durch steigende Bevölkerungszahlen und zunehmenden Konsum verschärft wird, zu lösen. 

Da aktuell in der deutschen Industrie bspw. weniger als 20% recycelte Materialien zum Einsatz kommen, gibt es hier viel Potenzial durch Digitalisierung zu optimieren. Hersteller sind zögerlich, was den Einsatz an sekundären Rohstoffen angeht. Deren Qualität ist häufig schwer festzustellen. Jedoch können Datenbanken, die Materialprüfungsergebnisse zeigen, einen möglichen Lösungsweg darstellen. Hersteller können auf diese Art untereinander überschüssige Materialien austauschen. Das höchste Ziel nennt sich ‚Zero Waste‘ – die Produktion ohne Abfälle. Zum Beispiel besitzt der amerikanische Automobilhersteller General Motors bei 150 Produktionsstätten keine Müllkippen mehr. Abfallende Materialien bei der Produktion werden an andere Firmen weiterverkauft und neue Produkte daraus hergestellt. Gerade wenn man sich vor Augen hält, dass bei der Herstellung eines Laptops lediglich ca. 2% der eingesetzten Materialien letztendlich im Produkt selbst landen, dabei also 98% Müll entsteht, ist hier ein wichtiger Ansatzpunkt, durch digitale Lösungen die Digitalisierung selbst nachhaltiger zu gestalten. 

Gesellschaftliche und politische Prozesse erzeugen Randbedingungen, innerhalb denen Digitalisierung sehr nachhaltig oder sehr unnachhaltig wirken kann. Daher muss Digitalisierung zusammen mit Wirtschaft, Umwelt, Gesellschaft und Politik in Interaktion gesehen werden. Die technologische Entwicklung ist zum Erreichen einer größeren Nachhaltigkeit notwendig, aber nicht hinreichend. Hinreichend ist die Einbettung der technologischen Entwicklung in eine ökologisch, soziale, politische und kulturelle Form, die die positiven Aspekte der digitalen Revolution nutzt und die negativen Auswirkungen vermeidet.

Über den Autor: Felix Sühlmann-Faul ist Techniksoziologe, Speaker und Autor mit Spezialisierung auf Digitalisierung und Nachhaltigkeit. Zuvor drei Jahre Versuchsleitung in der Daimler Kundenforschung, sechs Jahre Projektleitung am Institut für Transportation Design. Er promoviert aktuell über Digitalökonomie. Sein neues Buch »Der blinde Fleck der Digitalisierung« ist seit September erhältlich..

Dieser Artikel erschien am 7. Dezember 2018 im Magazin des Deutschen Nachhaltigkeitspreises.

Quellen
cisco.com/c/dam/assets/sol/service-provider/vni-complete-forecast/vnide.html
General Motors 2016: generalmotors.green/product/public/us/en/GMGreen/home.detail.html/content/Pages/news/us/en/2016/dec/1214-landfill.html
Hayes, Karen / Burge, Richard 2003: Coltan Mining in the Democratic Republic of Congo: How tantalum-using industries can commit to the reconstruction of the DRC, Cambridge, UK
Hilty, Lorenz 2008: Information Technology and Sustainability: Essays on the Relationship between Information Technology and Sustainable Development, Norderstedt
IHK / Deutscher Industrie und Handelskammertag 2012: Faktenpapier nicht-energetische Rohstoffe; www.ihk-niederrhein.de/downloads/ihk/Nicht_energetische_Rohstoffe-data.pdf
Lacy, Peter / Rutqvist, Jakob / Buddemeier, Philipp 2015: Wertschöpfung statt Verschwendung: Die Zukunft gehört der Kreislaufwirtschaft, München
Simone Schlindwein, Dominic Johnson: Wie das Blut vom Erz gewaschen wird. In: die tageszeitung. 4./5. Juli 2009; 16-17
Smith, Bud E. 2013: Green Computing: Tools and Techniques for Saving Energy, Money and Resources, CRC Press: 54
Vidal, John 2017: ‘Tsunami of Data‘ Could Consume One Fifth of Global Electricity by 2025. Climate Home News; climatechangenews.com/2017/12/11/tsunami-data-consume-one-fifth-global-electricity-2025/
Wilts, Henning / Lucas, Rainer 2014: Recycling in Deutschland – Status quo, Potenziale, Hemmnisse und Lösungsansätze, Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie GmbH
Woyke, Elizabeth 2014: The Smartphone. Anatomy of an Industry, New York

Um unsere Webseite für Sie fortlaufend verbessern zu können, verwenden wir Cookies. Durch die weitere Nutzung der Webseite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Mehr dazu in unserer Datenschutzerklärung.