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Gegen das bequeme Jammern.

Die Transformation zu einer klimaneutralen und nachhaltigen Entwicklung fordert von uns nichts weniger als den Umbau von dem, was wir für normal halten. Von Jahr zu Jahr zeigen die Träger des Deutschen Nachhaltigkeitspreises, dass die Transformation nichts Systemfremd-Überirdisches ist. Sie zeigen, was bereits geht, was sie gehend gemacht haben, was neu hinzukommt, was überrascht und was zum Zukunftstrend werden wird. Sie zeigen: Transformation ist möglich.

Der Blick in die Gesellschaft zeigt indessen auch: Zu viele warten ab, schauen allenfalls interessiert zu. Viele fühlen sich wahlweise überfordert oder übergangen. Statt zu handeln, jammern sie über alles Mögliche. Wo immer es um Nachhaltigkeit geht, ist Jammern die gängige Grußformel. Zu wenig, zu langsam, nicht das Richtige. Vorreiter klagen, dass sie allein gelassen werden. Die Bequem-Beschwörung sieht Nachhaltigkeit als wichtig, wenn sie nichts kostet und freiwillig bleibt. Wissenschaftler/innen jammern, dass ihnen nicht genug zugehört wird. Politiker/-innen jammern über den Mangel an Betriebstemperatur. Aktivist/innen sehen um sich herum ohnehin nur ornamentales Schmuckwerk. Ich sehe es so: Solcherart Jammern ist eine billige Flucht. Das Jammern ist verliebt ins Misslingen und Nichtstun. Helfen tut das nicht. 

So kann es nicht weitergehen. Krankheit, Klimakrise, Artensterben, Armut, Konflikte und Terrorismus, Destabilisierung und die Politiker/innen des Unheils – so unterschiedlich diese Themen sind, eines haben sie gemeinsam: Wer Abhilfe aufschiebt, verschärft die Probleme. Verlangsamen heißt zuspitzen. Die Folge: Der Handlungsdruck steigt erratisch.

Es ist eine bequeme Legende, dass Politik nur die Kunst des Machbaren sei. Sie darf nicht mehr verfangen. Eine neue Zeit für andere Politik zeigt sich in den Umrissen jener Praktiken, die der Deutsche Nachhaltigkeitspreis zusammenbringt. Corona fördert zudem die Einsicht, dass Vorsorge sinnvoll ist und Sorgfaltspflichten sozial relevant sind. Daher schlägt jetzt die Stunde einer Politik, die Utopien nutzt, um Gestaltungsräume zu schaffen. 

Dass Nachhaltigkeit generell und selbst beim Investieren von Geld von erheblichem Nutzen ist, bestreitet heute niemand mehr ernsthaft. Sind wir damit am Ziel? Bei allem Respekt vor Pionieren und Leistungsträgern der Nachhaltigkeit: Nein! Das Gegenteil ist der Fall: Wir müssen Nachhaltigkeit an allen Ecken und Enden ausbauen, qualifizieren, griffiger und mutiger machen. Sonst übernehmen die Trittbrettfahrer. Wo viele auf der Stelle treten, ist der langsam Hinkende nicht wirklich besser. Nur leicht besser als der Konkurrent zu sein, reicht nicht. Wir zeichnen Preisträger aus, weil sie Wirkung haben. Wir schauen uns die kritischen Punkte der Bewerber genau an. Meist gibt es sie ja. Die Multi-Stakeholder-Jurys (es sind mehrere) lassen nur gelten, was seit Langem hart an Nachhaltigkeit arbeitet, durch Transformation überzeugt und Ausstrahlung hat. 

Vieles, was sich heute selbst so nennt und unserem Ansatz zuordnen will, hat tatsächlich wenig mit Nachhaltigkeit zu tun. Aber auch umgekehrt gilt: Nicht alles Notwendige und nicht alles Gute muss zwingend nachhaltig sein. Und manches ist auch ganz besonders nachhaltig, was zunächst irritiert oder als Zumutung und Affront erscheint. Nachhaltigkeit fängt an, wo das Jammern aufhört. 

Der Aufbau und der Erhalt nachhaltiger Produktion und nachhaltiger Lieferketten muss Teil des Kerngeschäftes aller Unternehmen werden. Klimaneutralität wird zum Schlüssel für Innovation. Es geht um die DNA jeder Kommune, jedes Unternehmens, jeder Aktion: Appelle zu CSR reichen nicht mehr; Umweltfreundlichkeit reicht ebenfalls nicht mehr. Gefordert ist heute eine Transformation der ganzen Wirtschaft in Richtung auf Nachhaltigkeit. Gefordert ist, die sozialen, ökologischen und ökonomischen Chancen gezielt anzugehen, die sich mit der Idee einer nachhaltigen Entwicklung verbinden. 
Das ist Politik pur. Es wird Zeit.

Der Artikel ist in unserem #DNP13 Magazin erschienen. Die gesamte Ausgabe finden Sie hier

Über den Autor
Prof. Dr. Günther Bachmann ist Vorstand der Stiftung Deutscher Nachhaltigkeitspreis e.V. und war langjähriger Generalsekretär des Rates für Nachhaltige Entwicklung. In seinem aktuellsten Werk „Die Stunde der Politik – Ein Essay über Nachhaltigkeit, Utopien und Gestalungsspielräume“ lässt Günther Bachmann uns hinter die Kulissen blicken. Aus nächster Nähe erzählt sein Essay aus dem politischen Geschehen und schlägt neue Sichtachsen durch das Gewirr von Konferenzen und Beschlüssen. Bachmann rückt eingefahrene Denkhaltungen zurecht: Zu oft reden wir das Gelingen klein, zu sehr lähmt die ständige Rhetorik von Krise und Rettung. Aus seiner Sicht wären größere Fortschritte möglich, doch zu viele Chancen bleiben ungenutzt. Das Buch plädiert für einen Paradigmenwechsel. Die Politik muss erkennen, dass es bei Nachhaltigkeit um Macht geht und nicht nur um die technische Umsetzung einmal beschlossener Ziele. An Unternehmen und Bürger/innen appelliert er, der Politik mehr zuzutrauen. »Wir müssen die Nachhaltigkeitspolitik aus dem Kreativitätskoma herausholen« – Bachmann zeigt, wie das gehen kann.

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