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Gemeinwohl-Ökonomie: Ein Wirtschaftsmodell mit Zukunft

Bei der Gemeinwohl-Ökonomie wird das Wohl von Mensch und Umwelt zum obersten Ziel des Wirtschaftens. Der Initiator der internationalen Bewegung, Christian Felber, beschreibt warum unser jetziges Wirtschaftssystem auf dem Kopf steht und wie ein gutes Leben für alle möglich ist.

„Diese Wirtschaft tötet.“ Nicht alle würden es vermutlich so drastisch formulierten wie der Papast, doch die Beobachtung, dass die Welt zunehmend aus den Fugen gerät, ist Zeitgeist. Laut einer Erhebung der Bertelslmann-Stiftung wünschen sich 88 Prozent der Menschen in Deutschland und 90 Prozent in Österreich eine „neue Wirtschaftsordnung“. Die Gemeinwohl-Ökonomie ist eine Alternative zu den historischen Extremen Kapitalismus und zentrale Planwirtschaft. Sie wird seit 2010 von einer wachsenden Zahl von AkteurInnen auf Basis eines Buches praktisch entwickelt. Die tragenden Säulen der Gemeinwohl-Ökonomie sind dabei nicht „neu“, sondern zeitlose Werte und Verfassungsziele von der Menschenwürde bis zur Nachhaltigkeit. Schon Aristoteles unterschied die Wirtschaftsweise der „oikonomia“ (Geld ist ein Mittel) von der „chrematistike“ (Gelderwerb ist das Ziel). Im gleichen Geist besagt heute die bayrische Verfassung: „Die gesamte wirtschaftliche Tätigkeit dient dem Gemeinwohl.“ (Art. 151) Das Grundgesetz sieht vor, dass „Eigentum verpflichtet“ und „sein Gebrauch zugleich dem Wohl der Allgemeinheit dienen soll“ (Art. 14).

Gemeinwohlprodukt und Gemeinwohlbilanz

Das Gemeinwohlziel wird aber heute in der realen Wirtschaft gar nicht gemessen. Es fehlen die geeigneten Erfolgsindikatoren. Heute bilden das Bruttoninlandsprodukt (Volkswirtschaft), der Finanzgewinn (Unternehmen) und die Finanzrendite (Investition) die zentralen Erfolgsindikatoren. Sie messen jedoch nur die Mittel(akkumulation) und können daher gar nichts Verlässliches über die Zielerreichung aussagen. Das „Gemeinwohl-Produkt“ könnte zukünftig anhand eines repräsentativen Indikatorensets (z. B. Gesundheit, Bildung, Teilhabe, sozialer Zusammenhalt, ökologische Stabilität, Sicherheit, subjektives Wohlbefinden) direkt die Zielerreichung und damit den „Erfolg“ einer Volkswirtschaft messen. Die konkreten Komponenten könnten von der Bevölkerung in dezentralen Beiligungsprozessen selbst definiert werden, womit die Identifikation mit dem Gemeinwohl-Produkt steigen würde.

Der „Erfolg“ eines Unternehmens, sein Beitrag zum Gemeinwohl, würde analog mit einer „Gemeinwohl-Bilanz“ gemessen. Diese beantwortet die brennendsten Fragen der Gesellschaft an alle Unternehmen, z. B.: Wie sinnvoll ist das Produkt, die Dienstleistung?, Wie ökologisch wird produziert, vertrieben und entsorgt?, Wie human sind die Arbeitsbedingungen?, Werden Frauen und Männer gleich behandelt und bezahlt?, Wie werden die Erträge verteilt?, Wer trifft die Entscheidungen?, Wie kooperativ verhält sich das Unternehmen auf dem Markt?

Gemessen wird in Punkten, jedes Unternehmen kann derzeit maximal 1000 Punkte erreichen. Das Ergebnis könnte in einer „Gemeinwohl-Ampel“ auf allen Produkten und Dienstleistungen aufscheinen, um den KonsumentInnen die Kaufentscheidung zu erleichtern. Je besser das Gemeinwohl-Bilanz-Ergebnis eines Unternehmens, desto mehr rechtliche Vorteile erhält es, zum Beispiel: niedrigere Steuern, Zölle, Zinsen oder Vorrang beim öffentlichen Einkauf. Mithilfe dieser rechtlichen Anreizinstrumente werden die ethischen Produkte preisgünstiger als die unethischen. Die „Gesetze“ des Marktes würden endlich mit den Werten der Gesellschaft übereinstimmen.

Gewinn nur noch Mittel

Die Finanzbilanz bliebe erhalten, aber der Gewinn könnte – im Sinn einer echten „oikonomia“ konsequent als Mittel betrachtet werden. „Negative Rückkoppelungen“ bei Einkommen, Vermögen und Unternehmensgrößen würden die Ungleichheit begrenzen. „Ökologische Menschenrechte“ könnten den Planeten vor achtloser Zerstörung schützen. Die Gemeinwohl-Ökonomie versteht sich nicht nur als vollethische, sondern auch als tatsächlich liberale Marktwirtschaft, weil sie die gleichen Rechte, Freiheiten und Chancen aller wahrt. Ihre Grundfesten könnten in demokratischen Beteiligungsprozessen erarbeitet werden, innovative Formen „souveräner Demokratie“ könnten das Protestwahlverhalten und die Politikverdrossenheit der „Post-Demokratie“ in aktive Mitgestaltung lenken.

Internationale Bewegung

Die Gemeinwohl-Ökonomie-Bewegung startete 2010 in Österreich, Bayern und Südtirol mit einem Dutzend klein- und mittelständischer Unternehmen. Heute unterstützen 2300 Unternehmen aus 50 Staaten die Bewegung, 500 haben eine Gemeinwohl-Bilanz erstellt. Darunter so unterschiedliche Unternehmen wie die Sparda Bank München, der Outdoor-Ausrüster VAUDE, der Autozulieferer elobau, der Waldviertler Kräutertee-Hersteller Sonnentor, die FH Burgenland oder die Herzogsägmühle in Oberbayern. Aktuell entstehen immer mehr Gemeinwohl-Gemeinden in Italien, Spanien, Österreich und Deutschland. Stuttgart hat zwei Kommunalbetriebe bilanziert, Mannheim folgt 2019 mit vier. Großes Interesse herrscht auch an Schulen, Hochschulen und Universitäten. Ein Lehrgang Angewandte Gemeinwohl-Ökonmie ist 2018 in Österreich gestartet, an der Universität Valencia erforscht der erste Lehrstuhl für Gemeinwohl-Ökonomie die wachsende Bewegung und stärkt ihre wissenschaftliche Basis.

Erste Politische Erfolge

Auch die ersten Regionen fördern das neue Modell. Salzburg und Baden-Württemberg haben die GWÖ im Regierungsprogramm. Das Bundesland Valencia bereitet das erste Fördergesetz für bilanzierte Gemeinwohl-Betriebe vor und unterstützt schon jetzt KMU, Vereine und Bildungsträger, wenn sie alternative Wirtschaftsansätze verbreiten. Den bisher größten politischen Erfolg feierte die Gemeinwohl-Ökonomie-Bewegung auf EU-Ebene. Der Europäische Wirtschafts- und Sozialausschuss nahme eine Initiativstellungnahme zur Gemeinwohl-Ökonomie mit 86 Prozent der Stimmen an und empfiehlt ihren Einbau in den Rechtsrahmen der EU. Am Prozess der Gemeinwohl-Ökonomie kann sich jede Privatperson, jedes Unternehmen, jede Organisation und jede Gemeinde niederschwellig beteiligen.

Über den Autor: Christian Felber, 45, ist Autor von 15 Büchern, internationaler Referent und Initiator der Gemeinwohl-Ökonomie sowie des Projekts Bank für Gemeinwohl in Österreich. Er ist Senior Fellow am IASS in Potsdam und Lektor an diversen Universitäten. Außerdem ist er zeitgenössischer Tänzer und Performer.

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