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„In wenigen Jahren soll unsere Region der Leuchtturm für die Verkehrswende in Deutschland werden.“ – Interview mit Peter Pez

Foto: Prise

Mit „Radverkehrsförderung 3.0“ hat es das Institut für Stadt- und Kulturraumforschung der Leuphana Universität 2019 unter die Top 3 beim Sonderpreis Digitalisierung in der Kategorie Forschung geschafft. Ein Jahr später haben wir mit Projektleiter und Geograph Prof. Dr. Peter Pez über die bisherigen Erfolge des Vorhabens, den Rückenwind durch die Nominierung und die Pläne für die kommenden Jahre gesprochen.

Herr Pez, für alle, die Ihr Projekt noch nicht kennen: Was genau verbirgt sich hinter „Radverkehrsförderung 3.0“ und wie kamen Sie auf die Idee?

Aus 30-jähriger Forschungserfahrung mit zugleich engem Praxiskontakt resultierte die Erkenntnis, dass die Praxis der Radverkehrsplanung immer noch zu sehr durch die Windschutzscheibenperspektive geprägt ist. Das könnte frustrieren, hat mich aber eher motiviert, eine neue Handlungsstrategie zu formulieren. Diese lässt sich kennzeichnen durch Flächendeckung statt Fixierung auf lineare Hauptverbindungen, Barrierefreiheit (nicht nur) für Lastenräder und Kinderanhänger statt ständiger Ausbremsung und Verdrängung auf Hauptstraßen aus fragwürdigsten Sicherungserwägungen, Erschließung der analogen (Schilder, Radlerkarten) und digitalen Wegweisung (per Smartphone), um Radverkehr über schöne, verkehrsarme Routen schneller, sicherer und komfortabler zu machen. Damit schafft man eine ebenso effiziente wie nutzerattraktive Konkurrenzsituation zum Auto im Stadtverkehr. Weiter gedacht bedeutet das nötige Veränderungen nicht nur in der Planungspraxis, sondern auch bei der Ausbildung von Verkehrsplanern inklusive deren Selbstbild sowie in der Fördermittelkulisse – attraktive, auch straßenunabhängige Nahraumwege sind viel wichtiger als „Radlerautobahnen“ für die nicht sehr zahlreichen Langstrecken-Radfreaks.

Nun ist gut ein Jahr vergangen seit Ihrer Nominierung für den Deutschen Nachhaltigkeitspreis – was hat sich seitdem getan?

Die regionale Medienlandschaft fuhr total ab auf die Nominierungsmeldung bis hin zu einem TV-Beitrag auf N3. Wirkliche, nutzergerechte Radverkehrsförderung in Koppelung mit Digitalisierung erwies sich durchschlagender Gedanke. Die Berichte und natürlich die Nominierung selbst ließen sich prima einbinden in einen Antrag für das Modellvorhaben Rad des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur. Der hätte allein universitätsseitig keinen Sinn ergeben, aber mit Preisnominierung und Berichterstattung war der Boden bereitet für ein Mitziehen von Stadt und insbesondere Landkreis Lüneburg in einer public science partnership: Die Uni recherchiert, die Kommunen setzen um. Das überzeugte. Wir haben den Bewilligungsbescheid schon, für den Landkreis ist er auf der Zielgeraden. Das ist der Durchbruch – in wenigen Jahren soll unsere Region der Leuchtturm werden, der das Licht effektiver Radverkehrsförderung bundesweit ausstrahlt und damit nachhaltigen Stadtverkehr maßgeblich fördert!

Herzlichen Glückwunsch zu diesem Erfolg! Wenn Sie einen Blick in die Zukunft werfen: Wie sieht nachhaltige Mobilität in den Städten aus? Werden sich zum Beispiel autofreie Städte oder Zonen durchsetzen?

Fußgänger- und radfahrerfreundliche Stadtzentren werden sich ausbreiten, das ist viel mehr als einzelne Straßenfußgängerzonen. Neubauquartiere können nach dem Prinzip zentralisierter Quartiersparkplätze (idealiter als doppelstöckige Parkpaletten) im Inneren endlich aufenthalts- und kinderfreundlich werden. Zufahrt vor die Haustüre gibt’s dann nur noch im Schritttempo auf überbreiten Geh-/Radwegen zum Be- und Entladen, nicht mehr zum dauerhaften Parken. Für Schulen sehe ich „Bannmeilen“ kommen, sodass Elterntaxis nicht mehr bis vor das Eingangstor jene Verkehrsgefahren bringen können, vor denen sie (nur die eigenen) Kinder beschützen wollen. Schließlich wird es autoverkehrsfreie Plätze und Straßenabschnitte geben, die innerstädtische Wohnquartiere mit Grün, Treffgelegenheiten und Kinderspielgeräten aufwerten. Die Städte werden nicht komplett autofrei, aber deutlich autoverkehrsärmer. Die Omnipräsenz des fließenden und ruhenden Kraftfahrzeugverkehrs wird durch einen viel stärkeren Umweltverbund von Fußgängern, Radlern und ÖPNV abgelöst werden. Städte werden dadurch umweltfreundlicher, sozialer und über die Stärkung lokaler, nichtmotorisierter Einkaufsbeziehungen auch ökonomisch vielfältiger – der Dreiklang der Nachhaltigkeit!

Vielen Dank für das Gespräch!

Über Peter Pez: Prof. (apl.) Dr. Peter Pez ist Geograph und arbeitet an der Leuphana Universität Lüneburg. Sein Forschungsfeld ist die Verkehrs- und Wirtschaftsgeographie. Er ist Nachhaltigkeitsbeauftragter der Fakultät Kulturwissenschaften.

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