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Nachhaltigkeit durch Digitalisierung. Eine chancenreiche Gratwanderung.

Wir befinden uns – unbestreitbar – im Zeitalter der Digitalisierung. Spezialthemen wie Blockchain, Künstliche Intelligenz oder die Beeinflussung von Wahlen durch die Hintertür sozialer Medien gehören inzwischen zu unserem Alltag. Viele Menschen fühlen sich überfordert oder fürchten um ihre Arbeit, die vielleicht bald von einer Maschine schneller erledigt werden könnte.

An vielen Stellen werden wir inzwischen überwacht, registriert und analysiert. Eine öffentliche Thematisierung der wahrscheinlich größten Gefahr der Digitalisierung findet jedoch nur begrenzt statt – nämlich, dass die Digitalisierung viele Faktoren zu verstärken vermag, die eine ohnehin schon bedrohte Umwelt noch näher an den Kollaps führen. Beispiele für diese Faktoren sind der steigende Energieverbrauch, die Umweltbelastung durch Datenzentren und die stetig steigende Menge an Logistik durch schwunghaften E-Commerce oder die sozialen Folgen des Rohstoffabbaus, der in der Demokratischen Republik Kongo den Bürgerkrieg mitfinanziert. Nach wie vor wird fälschlicherweise mit Digitalisierung meist ein reiner, technologischer – ergo auch nachhaltiger – Akt assoziiert. Das hängt unter anderem mit den Potenzialen wie Dematerialisierung und Effizienzsteigerung zusammen. Das sind jedoch Potenziale, die sich empirisch selten bis nie realisieren.

Ein besonderes Nachhaltigkeitsdefizit besteht darin, dass die digitale Transformation sehr stark durch marktwirtschaftliche Interessen bestimmt wird. Das Leitbild eines stetigen Wirtschaftswachstums hat im exponentiellen Wachstum der Technologie einen mächtigen Verbündeten gewonnen. Durch Big Data, ständige Beobachtung durch soziale Netzwerke und Apps auf unseren Smartphones werden uns maßgeschneiderte Konsumchancen an jeder Ecke und zu jeder Uhrzeit mit niedrigsten Schwellen offeriert.

Immerhin scheinen sich jedoch die Zeiten zu ändern, in denen die Stimmen der Wirtschaft einstimmig das Lied der ‚automatischen Nachhaltigkeit per Digitalisierung‘ gesungen haben. Einige Unternehmen nutzen die Chance der Digitalisierung ihrer Produktion, ihres Geschäfts- oder Betriebsmodells, um im Zuge dieser Transformation auch das Thema Nachhaltigkeit in den Vordergrund zu rücken. Es gibt Vorreiter dafür, die beide Themen – Digitalisierung und Nachhaltigkeit – beispielhaft miteinander verbinden. Bekleidungshersteller, die die Wertschöpfungskette ihrer Produkte mit den Mitteln der Digitalisierung genau überprüfen, um festzustellen, ob in den Fertigungsstätten ökologische und soziale Auflagen eingehalten werden. Oder Hosting-Unternehmen, die sich genossenschaftlich organisieren und das Unternehmensziel auf maximale Nachhaltigkeit und nicht auf Gewinnmaximierung ausrichten.

Dass es viele Chancen gibt, das Ziel der Nachhaltigkeit durch digitale Lösungen zu erreichen, prämierte 2019 erstmals der Deutsche Nachhaltigkeitspreis. Und so wurde im vergangenen Jahr das erste Mal der Sonderpreis Digitalisierung in sämtlichen Bewerbungskategorien vergeben. Im Auswahlverfahren für die Nominierungsplätze zeigte sich, dass einige Unternehmen, Städte und Kommunen, Startups, Forschungs- und Architekturprojekte verstanden haben, worauf es wirklich bei einer nachhaltigen Digitalisierung ankommt: auf Nachhaltigkeit. Das klingt vielleicht banal – ist es aber keineswegs. Denn genauso wenig wie der Strom einfach aus der Steckdose kommt, erzeugt die Digitalisierung automatisch Nachhaltigkeit. Wenn man Nachhaltigkeit als Ziel wählt – und diese vor allem mehrdimensional denkt – kann die Digitalisierung in vielen Bereichen ein hilfreiches Werkzeug sein, Nachhaltigkeit erfolgreich zu erreichen.

Beispiele aus den Nominierungsrängen zeigen, wie das geht: Das Unternehmen Stadtwerke Trier verfolgt den nachhaltigen Einsatz von regenerativem Strom in allen Sektoren. Da Energieversorgung aus erneuerbaren Quellen kleinteilig, komplex ist und dezentral erfolgt, unterstützen neuronale Netze die Steuerung der Anlagen. Ziel hierbei ist es, die gesamte Region nach und nach vollständig durch erneuerbare Energien zu versorgen. Eine von vielen Bemühungen um eine nachhaltige Digitalisierung der Stadt Ulm besteht im Test, die Verwendung von KI zur Übersetzung bestehender Informationstexte in leichte Sprache einzusetzen. Das Forschungsprojekt Leipzig mobil 2.0 ermöglicht es, über die App der Leipziger Verkehrsbetriebe sehr übersichtlich neben dem ÖPNV eine Vielzahl anderer Mobilitätsdienstleistungen wie Leihräder, Carsharing und vieles mehr zu finden, zu buchen und zu bezahlen. Dies ermöglicht individuelle, multimodale Mobilität mit Zeit- und Kostentransparenz und vor allem ökologischer Nachhaltigkeit.

Die beschriebenen nominierten Projekte und Unternehmen bewegen sich auf einer Nachhaltigkeitsebene, die sich erst durch die Digitalisierung erschließen lässt. Daher handelt es sich um besonders gute Beispiele für eine nachhaltige Digitalisierung. Nun darf nur der Fehler nicht begangen werden zu denken, dass sich alles am besten durch Technologie lösen lassen würde. Zwar waren wir in der Menschheitsgeschichte nie so allgegenwärtig umfasst von Technologie und nie waren wir so abhängig: Energieerzeugung, Wasseraufbereitung, Nahrungsmittelproduktion sind nur drei sehr essenzielle Gebiete, von denen unser Leben abhängt. Und diese sind hochtechnisiert organisiert. Da liegt der Gedanke nahe, dass alle Probleme – auch auf ökologischer oder sozialer Ebene – einfach per Knopfdruck gelöst werden könnten.

Der Einsatz der Werkzeuge der digitalen Transformation muss jedoch behutsam und intelligent erfolgen. Sie können eine Hilfe auf dem Weg zur Nachhaltigkeit sein – das zeigen die obigen Beispiele deutlich. Aber Nachhaltigkeit entsteht durch Digitalisierung keineswegs automatisch, da auch eine gut gemeinte digitale Lösung ihrerseits durch Energieverbrauch, die verbauten Rohstoffe oder einen sehr kurzen Lebenszyklus neue Nachhaltigkeitsprobleme erzeugen kann. Da die Chancen und Risiken der Digitalisierung so eng beieinander liegen, muss hier sauber abgewogen werden. Das Ziel muss Nachhaltigkeit sein und bleiben – das darf dabei nicht vergessen werden.

Autor: Felix Sühlmann-Faul, Experte für nachhaltige Digitalisierung
Dieser Artikel erschien am 22. November 2019 im Magazin des Deutschen Nachhaltigkeitspreises.

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