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„Viele Vorreiter-Unternehmen setzen auf faire Lieferketten.“ – Interview mit Dr. Gerd Müller

Der Textilsektor spiegelt die wichtigsten globalen Nachhaltigkeitsherausforderungen wider. Eine „Textilwende“ hin zu einer stärkeren Umsetzung der Agenda 2030 und zur Beachtung unternehmerischer Sorgfaltspflichten in den Wertschöpfungsketten kann einen elementaren Beitrag zum Erreichen der SDGs leisten. Wir haben mit Dr. Gerd Müller, Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, über das Thema gesprochen.

Mit dem Deutschen Nachhaltigkeitspreis senden das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) und die Stiftung Deutscher Nachhaltigkeitspreis ein wichtiges Signal an Unternehmen: Die Wahrnehmung von Verantwortung für Mensch und Umwelt ist entlang der gesamten globalen Lieferketten möglich. Die Textilindustrie geht mit wichtigen Initiativen wie dem Grünen Knopf voran und leistet damit einen zentralen Beitrag zur Umsetzung der Agenda 2030 und ihrer Nachhaltigkeitsziele. Mit der Auszeichnung werden zudem die Unternehmen gestärkt, die gerade auch in der Corona-Pandemie partnerschaftlich und engagiert an einem zukunftsorientierten, nachhaltigen Weg aus der Krise arbeiten.

Die Agenda 2030 feierte im September ihren fünften Jahrestag. Welche Fortschritte haben wir in den letzten Jahren gemacht?

Wir haben vieles erreicht, ob bei der Gesundheitsversorgung, bei Bildung. Die Mütter- und Kindersterblichkeit ist weiter gesunken. Und 700 Millionen Menschen haben seit 2015 Zugang zum Internet erhalten und damit zu mobilen Zahlungssystemen, digitaler Bildung und neuen Geschäftsmodellen. Diese positiven Entwicklungen dürfen aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Umsetzung der Agenda 2030 viel zu langsam vorankommt. In diesem Tempo werden wir nicht eines der UN-Nachhaltigkeitsziele bis 2030 erreichen. 
 
Wo hakt es?

Nehmen Sie den Hunger. Hier waren wir auf einem guten Weg. Corona macht jetzt viele Fortschritte zunichte: Zusätzlich 130 Millionen Menschen fallen allein dieses Jahr in Hunger und Armut zurück. Schon vor Corona verhungerten 15.000 Kinder – jeden Tag! Wir können und müssen das ändern. Denn Hunger ist und bleibt der größte vermeidbare Skandal. Der Planet hat die Ressourcen, zehn Milliarden Menschen zu ernähren. Neue Studien zeigen: Mit einer grünen Agrarrevolution und Investitionen von jährlich 14 Milliarden Dollar zusätzlich durch die Industrieländer lässt sich das Ziel in den nächsten zehn Jahren erreichen. Dies darf nicht am politischen Willen scheitern. Wir müssen auch mehr für den Klima- und Umweltschutz tun. Denn auch in Corona-Zeiten schreitet der Klimawandel voran und bedroht die Lebensgrundlage von Hunderten Millionen Menschen – insbesondere in Entwicklungsländern. Neben der Ernährungsfrage bleibt der Klimaschutz die zentrale Überlebensfrage der Menschheit. 
 
Welche Lehren ziehen Sie aus der Corona-Pandemie?

Die Corona-Krise hat die Schattenseiten der Globalisierung und ihre Anfälligkeit schonungslos offengelegt. Entscheidend ist, dass wir aus der Krise jetzt die richtigen Konsequenzen ziehen und umdenken in Politik, Wirtschaft und Konsum. „Immer billiger“ ist der falsche Weg! 
 
Ihr Ministerium unterstützt auch 2020 den Deutschen Nachhaltigkeitspreis „Unternehmenspartnerschaften“, diesmal mit Fokus auf die Textilwirtschaft. Welche Rolle spielt dieser Sektor für die Umsetzung der Agenda 2030?

Eine große Rolle. Hunderte Millionen Menschen arbeiten in der weltweiten Textilwirtschaft. Durch Corona sind viele Lieferketten unterbrochen. Allein in Bangladesch wurden Aufträge im Wert von drei Milliarden Euro ausgesetzt. Millionen Näherinnen stehen vor dem Nichts. Auch Unternehmen in Deutschland kämpfen ums Überleben. Trotzdem versuchen viele Vorreiter, die Lieferketten zu erhalten. Denn sie wollen langfristig stabile Lieferbeziehungen mit guter Qualität. Es gibt ja auch einen Tag nach der Krise.
 
Wie steht es mit Nachhaltigkeit in der Textil­lieferkette?

Nehmen Sie eine normale Jeans. Sie legt von der Stoffproduktion Dutzende Stationen und bis zu 18.000 km zurück, bis sie bei uns im Laden liegt. In Bangladesch wird sie für fünf Euro produziert – bei uns für 50 oder 100 Euro verkauft. Das geht oft nur, weil die Näherinnen 14 Stunden am Tag schuften und ökologische sowie soziale Mindeststandards wie das Verbot der Kinderarbeit missachtet werden. 75 Millionen Kinder arbeiten weltweit unter ausbeuterischen Bedingungen: in Steinbrüchen, Textilfabriken oder auf Kaffeeplantagen. Viele Vorreiter-Unternehmen setzen auf faire Lieferketten – die wollen wir auszeichnen. Denn wir brauchen einen grundlegenden Wandel hin zu mehr Nachhaltigkeit. Auch immer mehr Kund/innen fordern das ein.
 
Ihr Ministerium nimmt das Thema ernst. Im September 2019 haben Sie das staatliche Textsiegel „Grüner Knopf“ eingeführt. Was macht dieses Siegel besonders? 

Es ist das erste staatliche Siegel, das sowohl ökologische als auch soziale Nachhaltigkeit umfassend überprüft: von A wie Abwassergrenzwerte bis Z wie Zwangsarbeitsverbot. Auch Mindestlöhne und das Verbot von Kinderarbeit gehören dazu. Das Besondere am Grünen Knopf ist: Einzelne Vorzeige-Produkte reichen nicht aus. Das gesamte Unternehmen wird geprüft. Das Siegel gibt so eine klare Orientierung beim Einkauf. Wer also nachhaltige Mode mit dem Grünen Knopf kauft, trägt im wahrsten Sinne des Wortes Verantwortung. 
 
Der Grüne Knopf hat am 9. September 2020 sein einjähriges Bestehen gefeiert. Wie viele Unternehmen sind schon dabei?

55 Unternehmen machen mit, darunter Sportlabel wie Jack Wolfskin, Nachhaltigkeits-Pioniere wie Hessnatur oder Vaude, Familienbetriebe wie ­Trigema, Mey und Peter Hahn sowie große Einzelhändler wie Tchibo, Lidl, Aldi, Kaufland oder REWE. Mittlerweile kann man sich von Kopf bis Fuß mit Grüner Knopf-Produkten einkleiden – es gibt Mützen, T-Shirts, Sneaker. Auch Bettwäsche, Rucksäcke und sogar Zelte. Der Grüne Knopf hat sich gut am Markt etabliert. 
 
Und wie viele kennen den Grünen Knopf?

Rund ein Drittel der Deutschen – das ist nach einem Jahr ein beachtlicher Wert im Vergleich zu anderen Nachhaltigkeitssiegeln. Eine repräsentative Studie des Marktforschungsinstituts GfK kommt zum Ergebnis: „Der Grüne Knopf ist auf dem besten Wege zu einer Erfolgsgeschichte.“
 
Also ein positives Zwischenfazit?

2020 war für viele Unternehmen extrem schwierig. Trotzdem wurden im ersten Halbjahr 50 Millionen Textilien mit dem Grünen Knopf verkauft. Davon 35 Millionen Kleidungsstücke. Das sind zwischen 1,5 und drei Prozent Marktanteil. Ich finde, das ist eine solide Entwicklung mitten in der Coronakrise. Zum Vergleich: Das deutsche Bio-Siegel lag in den ersten Jahren bei zwei Prozent. Heute kennt es jeder und viele kaufen Bio, weil ihnen Nachhaltigkeit wichtig ist. Ich glaube, dass es beim Grünen Knopf genauso sein wird. Auch deswegen ist der Preis „Unternehmenspartnerschaften“ für uns wichtig: um andere zu motivieren. Es kann nämlich nicht dabei bleiben, dass einige besonders nachhaltig sind und andere so weitermachen wie bisher.
 
Sie spielen auf das Lieferketten­gesetz an …

Ja. Die Unternehmen, die beim Grünen Knopf mitmachen, zeigen bereits: Es ist absolut möglich. Jetzt sind Unternehmen aller Branchen in der Pflicht, grundlegende Menschenrechtsstandards wie das Verbot von Zwangs- und Kinderarbeit in ihren Lieferketten endlich sicherzustellen. 
 
Überfordert das nicht die deutsche Wirtschaft?

Aus vielen Gesprächen weiß ich, wie schwierig die Lage des Mittelstands derzeit ist. Kollege Hubertus Heil und ich arbeiten daher an einer mittelstandsfreundlichen Lösung und haben entsprechende Kompromissvorschläge vorgelegt. Dafür bekommen wir viel Rückenwind aus der Wirtschaft, der Zivilgesellschaft und der Bevölkerung. Aber Wettbewerbsvorteile durch zum Beispiel Kinderarbeit darf es nicht länger geben. Märkte brauchen klare Regeln. Das ist der Grund, warum auch 100 renommierte Unternehmen ein Lieferkettengesetz fordern, wie REWE, Tchibo, Nestlé, Aldi, Alfred Ritter GmbH und dm-drogeriemarkt. Das sehen übrigens auch drei Viertel der Deutschen so.

Der Artikel ist in unserem #DNP13 Magazin erschienen. Die gesamte Ausgabe finden Sie hier

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