Ehrenpreisträgerbegründung

Sigmar Gabriel

Sigmar Gabriel erhält den Ehrenpreis des Deutschen Nachhaltigkeitspreises für ein politisches Lebenswerk, das ökologische Modernisierung, industrielle Stärke, soziale Verantwortung und internationale Verständigung immer wieder in einen gemeinsamen Zusammenhang gestellt hat.

Sigmar Gabriel erhält den Ehrenpreis des Deutschen Nachhaltigkeitspreises für konkrete politische Beiträge, die Klimaschutz, Energiewende, industrielle Erneuerung und internationale Verantwortung in Deutschland und Europa vorangebracht haben.

Geboren 1959 in Goslar, begann Sigmar Gabriel seinen beruflichen Weg als Lehrer und Erwachsenenbildner, bevor ihn die Politik vom kommunalen Mandat bis in höchste Staatsämter führte. Er war Ministerpräsident des Landes Niedersachsen, Mitglied des Deutschen Bundestages, Bundesumweltminister, Bundesminister für Wirtschaft und Energie, Bundesaußenminister, Vizekanzler der Bundesrepublik Deutschland und Bundesvorsitzender der SPD. Heute wirkt er als Publizist, Berater und Honorarprofessor an der Universität Bonn, als Vorsitzender der Atlantik-Brücke, in internationalen außen- und sicherheitspolitischen Netzwerken sowie in Aufsichtsräten und strategischen Gremien der Wirtschaft.

Der Deutsche Nachhaltigkeitspreis ehrt Sigmar Gabriel als politischen Gestalter, der Nachhaltigkeit nicht nur programmatisch beschrieben, sondern in wirksame Politik übersetzt hat. Als Bundesumweltminister gehörte er zu den prägenden Kräften des Integrierten Energie- und Klimaprogramms der Bundesregierung. Dieses Programm bündelte 29 Maßnahmen für mehr Energieeffizienz, den Ausbau erneuerbarer Energien, klimafreundlichere Gebäude, moderne Kraft-Wärme-Kopplung, nachhaltigere Mobilität und eine stärkere Rolle des Emissionshandels. Es war ein wichtiger Schritt, Klimaschutz aus einzelnen Ressorts herauszulösen und als Modernisierungsprogramm für Wirtschaft und Gesellschaft zu verankern.

Besonders folgenreich war unter Gabriel auch der Start der Nationalen Klimaschutzinitiative. Aus Erlösen des Emissionshandels wurden Programme finanziert, die Investitionen in Energieeffizienz und erneuerbare Energien in Kommunen, Unternehmen, Bildungseinrichtungen und privaten Haushalten ermöglichten. Damit wurde Klimaschutz praktisch: in Schulen, Rathäusern, mittelständischen Betrieben, Quartieren und Verbraucherprojekten. Nachhaltigkeit wurde nicht nur als Ziel formuliert, sondern mit Förderinstrumenten, Investitionen und konkreten Einsparungen verbunden.

Auch europäisch und international hat Gabriel wichtige Akzente gesetzt. Während der deutschen EU-Ratspräsidentschaft und des G8-Gipfels 2007 rückten Klimaschutz, Energieeffizienz und erneuerbare Energien ins Zentrum der politischen Agenda. Die Verbindung von Klimaschutz, Technologie, Wachstum und internationaler Kooperation wurde zu einem Leitmotiv, das bis heute prägend ist: Industrieländer müssen zeigen, dass Wohlstand, Wettbewerbsfähigkeit und sinkende Emissionen zusammengehen können, wenn Klimapolitik weltweit anschlussfähig werden soll.

Als Bundesminister für Wirtschaft und Energie übernahm Gabriel später Verantwortung für die Energiewende in einer besonders schwierigen Phase. Die erneuerbaren Energien waren stark gewachsen, zugleich stiegen Kosten, Netzausbau, Marktintegration und Versorgungssicherheit wurden zu zentralen Fragen. Mit der EEG-Reform 2014 wurde der Ausbau erneuerbarer Energien stärker gesteuert, die Marktintegration vorangetrieben und die Finanzierungsbasis der Energiewende stabilisiert. Diese Reform war umstritten, aber politisch bedeutsam: Sie machte deutlich, dass die Energiewende nicht nur vom Ausbauziel lebt, sondern von dauerhafter Akzeptanz, Investitionssicherheit und Systemfähigkeit.

Mit dem Nationalen Aktionsplan Energieeffizienz setzte Gabriel zudem einen Schwerpunkt auf die oft unterschätzte zweite Säule der Energiewende. Energieeffizienz wurde als wirtschaftliche Chance, als Beitrag zur Versorgungssicherheit und als kostengünstiger Klimaschutz verstanden. Damit rückte ein Gedanke in den Mittelpunkt, der heute selbstverständlich wirkt, politisch aber immer wieder neu durchgesetzt werden muss: Die sauberste Energie ist die, die gar nicht erst verbraucht wird.

Gabriels Leistung liegt gerade darin, Nachhaltigkeit in den Raum harter politischer Entscheidungen geführt zu haben. Er hat Klimaschutz mit Industriepolitik verbunden, ökologische Ziele mit sozialer Akzeptanz, internationale Verantwortung mit wirtschaftlicher Wettbewerbsfähigkeit. Man musste nicht jede Entscheidung teilen, um anzuerkennen, dass er sich den zentralen Spannungen nachhaltiger Transformation gestellt hat: Wie bleibt Energie bezahlbar? Wie bleibt Industrie stark? Wie entstehen Investitionen? Wie werden Klimaziele in Regeln, Märkte und Institutionen übersetzt?

Auch als Außenminister und in seinen heutigen Funktionen erweitert Gabriel den Blick auf Nachhaltigkeit um Sicherheit, Demokratie, internationale Ordnung und europäische Handlungsfähigkeit. Klima, Energie, Handel, Frieden und geopolitische Stabilität sind längst keine getrennten Agenden mehr. Nachhaltigkeit entscheidet sich auch daran, ob demokratische Gesellschaften in einer unsicheren Welt handlungsfähig bleiben.

Der Deutsche Nachhaltigkeitspreis würdigt mit Sigmar Gabriel einen politischen Gestalter, der Nachhaltigkeit konkret gemacht hat: in Klimaprogrammen, Energiepolitik, Effizienzstrategien, europäischer Zusammenarbeit und im schwierigen Ausgleich zwischen ökologischer Notwendigkeit, wirtschaftlicher Stärke und gesellschaftlicher Akzeptanz. Er steht für eine Nachhaltigkeit, die nicht beim Anspruch stehen bleibt, sondern den Weg in politische Wirklichkeit sucht — dorthin, wo sich Transformation entscheidet.