Eine Gefahr bei Ausstellungsbauten besteht darin, dass der architektonische Ehrgeiz die eigentlichen Ausstellungsstücke in den Hintergrund treten lässt. Nicht so beim neuen Kunstraum der Universität Kassel, der nach einem Wettbewerbserfolg vom Vorarlberger Architekturbüro Innauer Matt Architekten geplant wurde. Es entstand ein schlichter Kubus aus dunkel lasiertem Holz, der sich unprätentiös in den denkmalgeschützten Bestand einfügt. Bei aller Reduktion der Mittel entstand dennoch (oder vielleicht gerade dadurch) ein architektonisches Schatzkästlein der ganz besonderen Art und - man darf es so sagen - ein schönes, und sicherlich identitätsstiftendes Haus.
Prägend in der Fassade ist das sägerau belassene Lärchenholz, welches durch schlanke, aus der Fassade hervortretende Blechpaneele gegliedert wird. Eine Besonderheit sind die speziell für dieses Projekt entwickelten 864 Lichtlinsen im oberen Bereich der Fassade, die beim ersten Blick auf das Gebäude wie überdimensionierte Nieten daherkommen und das natürliche Licht gleichmäßig im Innenraum verteilen. Das Innere des Gebäudes steht im starken Kontrast zum Schwarz der Fassade. Hier dominiert das helle Holz der Konstruktion an allen sichtbaren Oberflächen außer am Boden. Der Innenraum ist an Wänden und Decke streng gerastert: die starke optische Wirkung ist jedoch kein Selbstzweck, handelt es sich doch um die Trag- und Unterkonstruktion für ein Schienensystem, welches mit Hilfe von mobilen Trennwänden die unterschiedlichsten Grundrisse ermöglicht. Durch die rundum öffenbaren Zugangstüren kann der umliegende Außenraum in die Bespielung des Hauses integriert werden.
Was ist aber innovativ im Sinne der Nachhaltigkeit? Zunächst ist der Kunstraum Kassel sicherlich eine starke Werbung für den Holzbau abseits der gängigen Wohn- und Funktionalbauten.
Er erkundet beispielhaft neue ästhetische Wege des Holzbaus ohne dessen funktionale Qualitäten zu vernachlässigen. Als Experimentierort für Kunstschaffende und Studierende bieten die mobilen Wände sowie die gleichmäßige Belichtung größtmögliche Flexibilität bei der Nutzung; die Lichtlinsen erzeugen zudem auch eine besondere Atmosphäre im Innenraum.
Im Wesentlichen verfolgt das Haus ein Low-Tech-Konzept mit einfacher Konstruktion und reiner Fensterlüftung. Die für die Ausstellung erforderliche Kühlung erfolgt über Bauteilaktivierung (Boden) und zusätzlich über Nachtauskühlung mittels extra hierfür vorgesehene Lüftungsöffnungen. Der Holzbau ist handwerklich gefügt, also einfach zu montieren und am Ende des Lebenszyklus rückbaufreundlich. Die Holzoberflächen im Innenraum sind zudem unbehandelt, was im Sinne der Kreislaufwirtschaft eine problemlose Wiederverwendbarkeit sichert. Der wesentliche Energieträger für Heizung und Warmwasser ist Nah- bzw. Fernwärme aus 100% erneuerbaren Energien, auf dem Dach ist zusätzlich eine Photovoltaikanlage installiert.
Überzeugend beim Kunstraum Kassel ist das Zusammenspiel aus hoher Architekturqualität, Funktionalität, Einbindung in den denkmalgeschützten Bestand und einfacher aber hochwertiger Konstruktion mit einem nachhaltigen Low-Tech-Konzept im Bereich der Haustechnik. Eine durchweg „runde Sache", die man sich so öfters wünschen würde.